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Kapitel 02

Die Entscheidung

Ein einziges Klicken der Schatulle setzt die Uhr wieder in Gang und ruft den ersten Besucher.

Chelsea erwachte, weil eine vollkommene, unnatürliche Stille im Haus eingekehrt war.

Gewöhnlich wirkte Stille beruhigend. Hier lastete sie auf allem. Als hielte das Haus den Atem an und wartete darauf, dass Chelsea den ersten Schritt tat.

Die Schatulle stand genau so auf dem Nachttisch, wie sie sie zurückgelassen hatte. Schwarz und warm. Chelsea setzte sich auf die Bettkante und betrachtete sie lange. Dann streckte sie doch die Hand aus.

Ihre Finger spürten erneut die Wärme - unangenehm und zugleich unwiderstehlich. Sie drehte die Schatulle in den Händen und lauschte der kaum wahrnehmbaren Bewegung des Mechanismus in ihrem Inneren. Etwas gab nach. Ein leises, trockenes Klicken erklang.

Chelsea erstarrte.

Noch eine Drehung. Dann noch eine. Der Mechanismus war komplizierter, als er zunächst gewirkt hatte. Fläche um Fläche glitten dünne Platten unter ihren Fingern entlang und fanden neue Positionen. Es war wie ein Schloss, das ihr selbst zuflüsterte, wohin sie das nächste Teil drehen sollte. Oder wie ein Spiel, dessen Regeln sie beinahe zu verstehen begann.

Die Zeit hörte auf zu existieren. Als Chelsea den Blick hob, stand die Nacht bereits vor dem Fenster. Im Zimmer brannte nur noch die Stehlampe. Dann erschien ein zweites Licht - ein schwaches, beinahe geisterhaftes Leuchten, das plötzlich über die Kanten der Schatulle huschte.

Feine Linien aus blauem Licht stiegen aus ihr auf, durchquerten den Raum und verschwanden in den Wänden, als tasteten sie die Umgebung ab. Die Luft wurde dichter. Chelsea spürte Druck auf den Ohren, wie kurz vor einem Gewitter. Dann schlug unten erneut die Uhr.

Die Uhr war wieder angelaufen.

Langsam. Schwer. Jeder Schlag hallte durch die hölzernen Decken.

Die Schatulle noch immer fest umklammert, stand Chelsea auf und trat auf den Treppenabsatz. Das Licht aus dem Schlafzimmer reichte kaum bis hierher. Unten, am Fuß der Treppe, tickte die Standuhr mit unnatürlicher Gleichmäßigkeit. Das Pendel bewegte sich. Und daneben, auf der ersten Stufe, stand eine Gestalt.

Ausgemergelt. Groß. Vollkommen nackt. Blasse, fast bläuliche Haut spannte sich über die Knochen. Wo Augen hätten sein sollen, lagen glatte Höhlen. Anstelle von Händen ragten lange, wie aus dem Fleisch gezogene Klingen hervor, deren Enden etwas zwischen Fingern und Schneiden waren. Aus dem weit geöffneten Mund schob sich langsam und feucht eine Zunge hervor - lang, an der Wurzel dick und zur Spitze hin schmaler werdend. Sie bewegte sich von selbst und ertastete die Luft, als koste sie ihren Geschmack.

Die Kreatur hob den Kopf. Obwohl sie keine Augen besaß, spürte Chelsea mit völliger Gewissheit, dass ihre gesamte Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war.

Die Zunge glitt über die Unterlippe und streckte sich erneut nach vorn, leicht zitternd.

Die Uhr schlug wieder.

Der Cenobit setzte einen Fuß auf die nächste Stufe. Seine Bewegung war seltsam fließend, beinahe tänzerisch, als stiege er nicht die Treppe hinauf, sondern folge dem Rhythmus des Tickens selbst. Die lederartigen Klingen, die ihm als Arme dienten, strichen über das Geländer und hinterließen dünne, glänzende Spuren auf dem dunklen Holz.

Chelsea wich zurück, lief aber nicht davon. Ihre Beine gehorchten ihr nicht. Oder vielleicht wollte sie selbst nicht fort. Die Schatulle wurde heißer in ihren Händen.

Die Kreatur blieb auf halber Höhe stehen. Ihre Zunge zeichnete langsam einen Bogen durch die Luft, als lege sie einen unsichtbaren Pfad zu Chelsea. Dann neigte sie den Kopf ein wenig - fast neugierig, beinahe wie ein Hund - und stieß einen leisen, feuchten Atemzug aus.

Das Geräusch klang wie ein kurzes, zufriedenes Stöhnen.

Chelsea schluckte.

Unten schlug die Uhr erneut.

Und der Cenobit setzte seinen Aufstieg fort.